NUR MUT!

Rede des Schulleiters Robert Christott zum Jubiläum “20 Jahre Theaterakademie Köln” am 4. November 2017

Ich habe Angst. Angst, nicht das richtige zu tun. Angst, nicht das richtige zu sagen. Angst, von falschen Prämissen auszugehen. Angst, nicht den Erwartungen gerecht zu werden. Angst, das alles zu spät zu bemerken. Angst davor, zu scheitern. Diese Angst ist schrecklich. Aber sie macht auch klar, flink und unerbittlich.
Im Dezember 2015 wurde ich von der Gemeinde der Jesuitenkirche Sankt Peter am Neumarkt eingeladen, im Rahmen der Adventsvesper eine Predigt zu sprechen. Persönlich sollte es sein, nicht zwingend religiös und mit bloß einer inhaltlichen Einschränkung: Es sollte mit Dunkelheit zu tun haben. Mein – ich bin sehr stolz, das so sagen zu dürfen – Freund und unser Schirmherr Bulat Atabayev inszenierte dort „Die Blinden“ von Maurice Maetterlinck, das passte.
Ich habe lange an dem Manuskript herumgedoktort. Viele wohlfeile Worte sind mir dabei eingefallen, Sätze die nach Bedeutung klingen, die das große Ganze berühren, die versuchten, der Bedeutung, an diesem Ort sprechen zu dürfen, gerecht zu werden. Alles ziemlicher Käse.
Auf der Fahrt mit dem Fahrrad in die Kirche – ich wohne in Bickendorf und muss einmal quer durch die Stadt – habe ich am Aachener Weiher angehalten, mich auf einen Stein gesetzt und war verzweifelt. Der zurecht gelegte Text hatte nichts mit mir zu tun. Alles war Pappe und Hülse und ich war in Panik. Ich würde ohne Predigt eintreffen und mein Scheitern zugeben müssen. Ich spürte einen starken Fluchtreflex.
Und da wurde mir klar: Genau das war es, worüber ich reden würde. Über Angst. Über den Horror davor, die Komfortzone zu verlassen, und sich nicht an Konventionellem und Gefälligem fest zu halten. Über das Gefühl von freiem Fall. Und über die Notwendigkeit, das alles auszuhalten, um seine Grenzen zu verschieben und über sich selbst hinaus zu wachsen.
An der Fassade der Theaterakademie steht der kurze Satz in großen Lettern: Nur Mut! Mir ist mit der Übernahme der Leitung 2013 nichts Treffenderes eingefallen, um deutlich sichtbar nach außen zu tragen, worum es hier geht: Den Mut zu fassen, es einfach zu tun – und dann erst zu schauen, ob man es überlebt hat.
Ich könnte an dieser Stelle viele Erfolge aus der Arbeit der letzten Jahre aufzählen, dazu ein bisschen zerknirscht ein paar Fehler zugeben und insgesamt dann mit einer gefälligen Mischung von Selbstzufriedenheit und Selbstkritik das Buffet eröffnen. Aber darum geht es nicht.
Wir feiern heute die Tatsache, dass diese Schule vor 20 Jahren gegründet wurde, und seit dem Menschen verschiedensten Alters mit einem Papier entlässt, dass “Diplom in Schauspiel” heißt – und das für die Erfüllung eines Lebenstraumes steht. Oder vielmehr Stellvertreter ist eines Versprechens: Dass der Traum sich sicherlich in Zukunft wird erfüllen lassen mit diesem Abschluss.
Was für eine Anmaßung.
Wie kann man aus dem Nichts heraus nur beschließen, genau so gut wie die (teilweise ein Jahrhundert) alten Institutionen Menschen darauf vor zu bereiten, ihren Lebensunterhalt als Darsteller für Bühne und Film zu bestreiten. Am Anfang von allem stand der gewaltige Mut des Gründers der Theaterakademie, Bernhard Bötel, dies einfach zu tun.
Wer ihn kennt, weiß, dass Bernhard überzeugt ist, von dem, was er tut. Aber nicht frei von Angst. Denn die felsenfeste Überzeugung, das Richtige zu tun, besiegt nicht automatisch die Angst vor den Konsequenzen des eigenen Handelns. Das habe ich in den letzten fünf Jahren intensiv erfahren dürfen.
Aus einem tief empfundenen Gerechtigkeitssinn den vom staatlichen System Benachteiligten gegenüber, und aus einer inneren Notwendigkeit heraus, gründete Bernhard vor 20 Jahren die Theaterakademie Köln. Er wollte beweisen, dass es möglich ist, mit der richtigen Einstellung aller Beteiligten Schauspielerinnen und Schauspieler auszubilden, die in ihren Fertigkeiten den Absolventen von staatlichen Schulen in nichts nachstehen. Es ging um Kunst und um Handwerk. Wenn Bernhard zu seiner aktiven Zeit über Schauspielerei redete, wurde auf einmal alles so klar und einfach – und sehr anspruchsvoll. Nichts weniger als brilliant musste man sein auf der Bühne oder vor der Kamera, dazu ein bisschen eine “Sau” ohne Scheu vor Körperkontakt, dann konnte das klappen. Und das tat es ganz häufig auch, wenn man sich die Wege der Absolventinnen und Absolventen dieser Zeit anschaut. Die ersten beiden Alumni der Theaterakademie Ralf Stech und Klaus D. Mund sind heute Abend hier, herzlich willkommen! Ihr werdet sicher aus dem Nähkästchen plaudern später.
Und dann kam ich in Spiel, und alles wurde kompliziert. Das lag aber nicht an mir, sondern an der Welt. Mein erster Schultag an der Theaterakademie war der 11. September. Ich stelle mir manchmal vor, dass dieses Ereignis mich vielleicht von Beginn an die Schauspielerei als einen speziellen politischen Raum hat empfinden lassen. Vielleicht ist das aber auch schon meine private Mythenbildung. Fest steht aber – und ich denke das können alle hier im Raum bezeugen – die Welt zeigte sich in diesem Moment als viel komplexer, als ich und viele meiner Zeitgenossinnen und -genossen sie damals empfanden.
Wir wollten eigentlich nur spielen und hatten den Traum vom großen Film oder dem Engagement am Stadttheater, damit die Eltern mehr nicht so bangen mussten. Das System Schauspielschule war recht hermetisch, ein “closed shop” mit klaren Regeln und klaren Freund- und Feindbildern.
Gleichzeitig sprossen Privatschulen wie Pilze aus dem Boden – inzwischen sind es 12 alleine in Köln – freie Schauspielerinnen und Schauspieler fluteten den Arbeitsmarkt, der Ansturm auf die Vakanzen war gigantisch und der darin eingeschriebene Minderwertigkeitskomplex war immer eine Gefahr für das Selbstbewusstsein: Als Absolvent einer Privatschule bist du halt bloß Schauspieler zweiter Klasse.
Als ich abschloss, war ein Festengagement schon so wahrscheinlich wie ein 6er im Lotto, und wurde dementsprechend gehyped. Mein lieber Freund und Kommilitone Henning Heup ging nach dem Diplom ans Theater Wuppertal. Er hatte es geschafft. Aber wie das oft im Theater ist, so war es auch in der Realität: Der Riss durch die Welt wurde auf Umwegen für uns auch zum Segen.
Denn mit den so genannten Nullerjahren wurden viele Schauerszenarien früherer Zeiten noch einmal mehr Teil des täglichen Lebens: kürzere Anstellungszeiträume, Theaterschließungen, die Erfindung von Scripted Reality-Formaten im Fernsehen, für die man nun einmal leider keine ausgebildeten Schauspieler braucht und und und…
Uns wurde klar: wer sich auf alte Strukturen verlässt, der wird früher oder später ein Problem haben. Innovation und Flexibilität – die Kraftausdrücke unserer neoliberalen Wachstumslogik – wurden auch von Schauspielerinnen und Schauspielern gefordert. Sich neu erfinden, sein eigener Chef/ Agent/ Manager sein, alles euphemistische Phrasen zum Beispiel aus der Agenda 2010. Wer erinnert sich noch an die „Ich-AG“?
Es war zum Heulen.
Und dann kam bei mir der Perspektivwechsel. Wenn ich einfach aufhören würde, die verschiedenen tollen freien Jobs als Zwischenlösung bis zur ersehnten Festanstellung zu sehen, sondern als genau das, was ich machen würde bis zum Ende meiner Erwerbstätigkeit? Einfach selber machen? Eigene Akzente setzen. Sich seine Arbeitsplätze selbst aussuchen, sie wechseln und zur Not selbst erschaffen.
Und hier stieß ich an die Grenzen meiner Ausbildung. Ich hatte in meiner Vita zu Beginn den kraftmeierischen Satz stehen „Sehr gut ausgebildeter Schauspieler.“ Das hat mich sicherlich die eine oder andere Einladung zum Vorsprechen gekostet. Aber ich war und bin stolz auf die Ausbildung, die ich genossen habe. Aber es war eine Ausbildung lediglich für die abhängige Arbeit auf der Bühne und vor der Kamera, bei uns damals noch nicht einmal hinter dem Mikrofon.
Ich hatte das Gefühl, ganz gut darin zu sein, einen Text zu spielen. Aber weit davon entfernt, zu verstehen, wie Texte „funktionieren“, wie Stücke entstehen, wie man auf all die Ideen kommt, die einem der Regisseur auf der Probe so zuschleudert, was alles Text sein kann, Texturen, Gewebe von Sinn und Bedeutung.
Es gab nur einen Weg, dieser Leere Herr zu werden: Weiterbilden und Vorbilder suchen. Das Studium Kultur- und Medienmanagement an der HfMT Hamburg, Assistenzen am Schauspiel Köln oder am FFT Düsseldorf sowie beim Regieduo Hofmann&Lindholm und die Arbeit als Theaterkritiker brachten mich langsam aber sicher auf eine zeitgenössischere Ebene der Wahrnehmung dessen, was Schauspielerei ist und was der Beruf des Schauspielers bzw. der Schauspielerin sein kann.
Dass ich zu dieser Zeit ein Festengagement in Marburg angeboten bekam, für den Tatort drehte und mehrere Jahre hintereinander bei den Salzburger Festspielen arbeitete, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
Es festigte aber die Wahrnehmung, dass eine bestimmte Sicht auf den Beruf in manchen Institutionen sehr stark verankert ist, und die Vertreter dieser Art langsam aber sicher aussterben würden. Ich spürte meine Prägung, die sagen wir einmal nicht unbedingt zeitgenössisch war. Gleichzeitig fühlte und fühle ich eine starke Zeit-Genossenschaft. Ein Sein im Hier und heute. Da fehlte irgendwie eine Brücke zwischen der Welt, in der ich spielte, und der Welt, in der ich lebte.
Und genau in dieser kritischen Phase meines künstlerischen Lebens hatte eben dieses System mich so wohl genährt, dass ich eine Schauspielschule kaufen konnte.
„Wenn ich morgens mit verschlafenen Augen die ersten Eilmeldungen auf meinem Smartphone lese, dann sieht die Welt so aus: Die USA werden von einem Rassisten regiert, seit Ende des 2. Weltkrieges zieht zum ersten Mal wieder eine rechtsextreme Partei in den deutschen Bundestag, Terror in Deutschland, wie bspw. der NSU, und wenn ich dann weiterlese: nationalistische Backlashs in Polen, Ungarn, der Türkei usw.
Kurz: Die Welt brennt – warum Kunst hier und heute? Und wenn ich sage die Welt brennt, dann meine ich genauer: Die Welt brennt am rechten Rand. Und sie brennt, weil es mehr und mehr geistige Brandstifter gibt, die nichts Anderes tun, als die Menschen gegeneinander aufzuhetzen und zu spalten. Noch finden Kämpfe um die offene Gesellschaft statt, aber es stellt sich mir ernsthaft die Frage: Wann kippt eine Gesellschaft?“
Dieses Zitat ist aus dem Vortrag „Welche Welt bedeuten diese Bretter“ des Frankfurter Dramaturgen und Autoren Necati Öziri vom 1. November 2017.
Wir leben in einer Welt, in der wir viel Mut brauchen. Und, das sei hier ausdrücklich betont, unser Teil der Welt ist global gesehen das Paradies auf Erden. Welche Aufgabe, welchen Sinn hat denn Kunst, haben Schauspiel, Theater, Film für uns? Wie sollte man für Schauspiel ausbilden?
Kunst ist zweckfrei. Sie darf nicht instrumentalisiert werden. Genau so wenig darf eine Schauspielausbildung instrumentalisiert werden, um Ideologien zu transportieren oder um kurz gegriffen und affirmativ den trügerischen Schein zu erwecken, es gäbe da ein „richtig“ und ein „falsch“.
Ich kann selbst nach fünf Jahren als Leiter der Schule nur sehr unzulänglich in wenigen Worten beschreiben, was eine gute Schauspielausbildung alles sein muss. Auf meiner Suche bin ich auf ein Wort gestoßen, dass sich an dieser Stelle wahnsinnig richtig anfühlt: Relevanz. Relevanz meint die Wichtigkeit in einem bestimmten Zusammenhang. Eine relevante Ausbildung muss eine Wichtigkeit haben im Zusammenhang der Zeitgenossenschaft der Schauspielerinnen und Schauspieler im Spiegel ihrer vielfältigen Arbeitsfelder. Was ist heute? Wie ist heute? Wie machst du es jetzt? Wie wirst du es morgen machen? Wichtig dabei ist, dass ich mich immer daran erinnere, dass wir kein Theater sind, sondern eine Schule. Wir sind nicht einer Ästhetik verpflichtet, einer bestimmten Sprache oder einem Look. Wir untersuchen das Zustandekommen von Bedeutung und Aussage. Und wir sind beteiligt an der Entstehung eines Personenkreises, der das ganze Spiel mitbestimmt: Die zukünftigen Schauspielerinnen und Schauspieler.
Natürlich braucht es Wissen um Traditionen und Konventionen und das Handwerk ist teilweise so alt wie die Menschheit. Aber wie ist denn die Welt heute? Wie schaffe ich etwas Künstlerisches, dass egal wie alt der Text ist mit dem jetzt zu tun hat, und zwar mit dem gesamten jetzt: mit dem jetzt von Frau und Mann, dem jetzt von nicht eindeutig abgrenzbarem Geschlecht und dem jetzt diverser sexueller Orientierung, dem jetzt mit Kopftuch und dem jetzt mit Behinderung, dem jetzt von brauner Gefahr in der Politik, dem jetzt von Kinderarmut und Glyphosat, dem jetzt von leuchtenden Kinderaugen in der Nachmittagsvorstellung. Die Liste ist unendlich.
Wenn wir zum Bewusstsein von Relevanz und Zeitgenossenschaft, und der Möglichkeit, mit den Mitteln des Schauspiels und der Kunst auf unsere Welt kreativ einwirken zu können, beitragen wollen, dann durch kompetente Lehre, durch einen breiten Fokus, durch viel Aufklärung und Transparenz, und durch ein sinnlich praktisches Erfahren von Schauspiel, Regie, Schreiben, Kulturmanagement, Tanz, Sprechen und und und.
Durch ein Beisammensein auf Augenhöhe, durch Fehler, durch das Zulassen von Scheitern, durch das beziehen von Positionen, durch das Verteidigen von Standpunkten, durch Streit, durch Offenheit und Empathie. Durch Auseinandersetzungen innerhalb eines wunderbaren Kollegiums, zusammen mit einer faszinierenden und pulsierenden Schülerschaft, und gemeinsam mit vielen starken Kooperationspartnern.
Durch alles, was erlaubt, einfach zu sein. Einfach zu tun. Sich zu spüren, die anderen zu spüren, Grenzen zu spüren, sie zu überschreiten, Kontakt herzustellen, loszulaufen, zu gehen, zu stehen, zu atmen. Frei zu sein.
Auf die nächsten 20 Jahre.

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