Das Thema Diversity ist auf der Agenda von Agenturen & Produktionsfirmen angekommen. Auch ist Diversity in den Besetzungsstrategien von Theatern ein Thema. Vorsicht ist geboten, dass zum Beispiel Persons of Colour nicht als Token besetzt werden – also bloß aus Gründen der Außenwirkung und nicht aus Überzeugung. Aber der Markt scheint sich langsam zu verändern, und die Stimmen bekommen mehr Gehör, die eine diversere Branche fordern. An der Basis aber fehlt es noch an umfangreichen Ausbildungsformaten. Doch nur so kann sich wirklich etwas ändern.

Robert Christott
Foto: Simon Howar

Rassismus und Sexismus sind in unserer Gesellschaft tief verwurzelt. Davon kann sich niemand frei machen. Ich erlebe das auch immer wieder bei mir selbst: bestimmte Rollenbilder prägen unreflektiert Aussagen oder Handlungen. An der TAK versuchen wir, diese Mechanismen zu durchschauen und womöglich auch zu überwinden. Wir legen keinen Wert darauf, ein ausgeglichenes sichtbares Geschlechterverhältnis unter den Schüler:innen zu erreichen. Spielen können eh heutzutage alle alles. Wir nehmen einfach Menschen auf, die wir gut finden. Aber wir können noch mehr dafür tun, dass tolle Schauspieler:innen ganz unterschiedlicher Herkünfte und Identifikationen sich trauen, eine Aufnahmeprüfung abzulegen. Dieser Mut braucht Vorbilder.

Robert Christott, Schulleiter Theaterakademie Köln

Bewusstsein für Privilegien

Diversity ist wichtig in einer zeitgemäßen Schauspielausbildung. Eine wertschätzende Kommunikation auf Augenhöhe ist die Basis. Ebenso klar ist, dass niemand perfekt ist und auch nicht sein muss. Aber dass es ein zentraler Wert ist, den Umgang mit Diversity in der Besetzung und im täglichen Umgang miteinander immer wieder zu reflektieren. Das bedeutet für die Einen, sich ihrer Privilegien bewusst zu werden. Für die Anderen bedeutet das, eine Teilhabe in allen Bereichen einzufordern. Unser Ziel in der Theaterakademie Köln ist gelebtes Allyship.

Schauspiel ist für alle.

Niemand soll aufgrund von Herkunft oder Identität ausgeschlossen oder bevorzugt werden. Was zählt, ist Talent zusammen mit der richtigen Einstellung. Diversity umzusetzen bedeutet daher auch, die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse und die Positionen jeder:s Einzelnen darin zu reflektieren. Damit das authentisch gelingt und nicht wie eine Marketingmaßnahme wirkt, übernehmen diesen Bereich Akteur:innen z.B. of Colour oder nicht-binärer Identifikation. Wir sind uns der Problematik des Tokenism bewusst und suchen einen offenen Umgang mit diesem Thema, indem wir unseren Expert:innen freie Hand lassen bei der Umsetzung unseres Diversity-Schwerpunktes.

Bewerbt euch!

Wir fordern ausdrücklich junge Menschen mit diversen Identifikationen und Herkünften auf, die Aufnahmeprüfung an der Theaterakademie Köln zu machen. Der Blick auf Schauspielschule ist zu oft noch geprägt von einem binären & Weißen Gesellschaftsbild. Damit sich in der Branche etwas ändert, muss sich das Personal ändern & heterogener werden.

Unsere Gesellschaft ist eine plurale Versammlung. Viele unterschiedliche Interessen treffen aufeinander und finden sich oft im Dazwischen. Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jede*n Einzelne*n als Wesen der vielen Möglichkeiten!

https://dievielen.de/erklaerungen/berlin/

Verantwortung für Diversität

Als Erstunterzeichnende der Erklärung der Vielen thematisieren wir Diversität und Gleichstellung schon länger. Schwerpunkte in der täglichen Arbeit sind meist die Themen Feminismus, Rassismus & Gender. Vorurteile und ihre Konsequenzen für unser Handeln & unsere Sprache sind Alltag. Aber sobald wir sie reflektieren, können wir sie vermeiden. Und wir können dann die Verantwortung für Verletzungen übernehmen, die oftmals nicht intendiert sind und dennoch geschehen. Frei nach Watzlawick: “Die Botschaft bestimmt die Empfänger:in”.

Die Aktuelle Diskussion um die Rassismus-Vorwürfe des Schauspielers & POC Ron Iyamu gegenüber dem Schauspiel Düsseldorf verweist auf die Frage, inwiefern das Schauspiel ein strukturelles Rassismusproblem hat.

Diversity im Unterricht

Die Theaterakademie Köln hat eine Reihe ins Leben gerufen, die sich in Workshops, Gesprächen und Vorträgen der Sensibilisierung für diese Themen widmet. Dabei werden wir von der Schauspielerin, Drehbuchautorin, TAK-Absolventin Rosina Kaleab beraten.

Rosina Kaleab
Foto: Nti Nti

Die Diversity in unserer Gesellschaft spiegelt sich leider nicht in den künstlerischen Bereichen Film & Theater wider. Die Ausbildungsstätten müssen sich damit auseinandersetzen und sich dafür öffnen. Auch die Führungspositionen im Schauspiel müssen diverser besetzt werden: Produzent:innen, Ton, Kamera. Diejenigen, die Geschichten schreiben, müssen diversere Geschichten schreiben. Also müssen wir POCs uns in allen Bereichen durchsetzen und unsere Erfahrungen auch schon in der Entstehung von Stoffen einbringen.

Rosina Kaleab

In einem ersten Meetup hat Rosina den Schüler:innen von ihrem Werdegang berichtet: Wie sie als POC trotz ihres Abschluss´ als Diplomschauspielerin keine Rollen gefunden und zu schreiben angefangen hat. Heute ist sie erfolgreiche Drehbuchautorin. Rosina bringt ihr persönliches Berufliches Netzwerk in das Mentoring der TAK-Schüler:innen. Dieses Netzwerk besteht aus hochkarätigen Akteuren der Filmbranche (u.a. UFA) und des Theaters (u.a. Oper Halle, Ballhaus Naunynstraße Berlin)

Kontakt zu Branchengrößen

Als nächstes treffen die TAKkies auf Julia Huda-Nahas & Nataly Kudiabor.

Julia Huda-Nahas arbeitet aktuell als freischaffende Regisseurin, Autorin und Kulturpädagogin mit einem Schwerpunkt auf den Auswirkungen von strukturellem Rassismus und einem intersektional gedachten Feminismus.

Nataly Kudiabor ist seit Mai 2019 als Produzentin für die UFA Fiction tätig und fokussiert sich auf die Entwicklung von Fernseh- und Streamingserien. Auch setzt sich Nataly Kudiabor für mehr Diversität in der Branche ein.

Die Gespräche der nächsten Wochen werden aufgezeichnet. So soll ein online verfügbares Archiv zum Themenkomplex Diversity & Schauspiel entstehen.